Wie klingen 50 Jahre deutsches Fernsehen in 5 Sekunden?

Ein sommersonniger Tag mit Seltenheitswert für Hamburg-Eimsbüttel. Deshalb steht das Fenster in der Regie weit offen. Ich knabbere an meinem volldigitalen Komponisten-Bleistift und kann nur noch an eines denken: "Wie klingen 50 Jahre deutsches Fernsehen in 5 Sekunden?"

"HALLO...HAALLLOOO..!" Vor dem Fenster verläuft ein kleiner Weg, der von audiovisuellen Insidern als Abkürzung genutzt wird, um vom Hauptgebäude-Ton (Studio Funk) zum Hauptgebäude-Bild (VCC Perfect Pictures) oder umgekehrt zu gelangen. "HALLOOO!"

Bei offenem Fenster passiert es schon mal, dass ein Kundenkumpel im Vorbeischleichen brüllt: "Na, arbeitest du auch oder schläfst du wieder..?" Oder dass sich eine dezente Atmo aus Vogel und Stadt ungewollt auf der Demo-Gesangsspur wiederfindet. Aber jetzt reißt mich dieses freundlich unbeholfene "HALLLOOO" aus meiner kreativen Bleistiftphase, und ich blicke über die Fensterbank nach draußen.

"Ach, entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht, wo ich hin muss...?"

Das glaub' ich jetzt nich'! Mutter Beimer aus der Lindenstraße steht da mit zwei prächtigen Kostümen in der Hand, wie sie nur Mutter Beimer tragen kann, und fragt, wo denn die Aufnahmen für "50 Jahre deutsches Fernsehen" gedreht werden.
Ich mache natürlich mein verständnisvolles "Ich-gehöre-auch-dazu-Gesicht" und beschreibe
Mutter Beimer den Weg. "Gleich um die Ecke, da vorne ist der Eingang, soll ich Sie schnell bringen?" "Nein nein, das find' ich dann schon, aber vielen Dank."

So kehre ich zurück zu meinem Bleistift und der Frage: "Wie klingen 50 Jahre deutsches
Fernsehen?". DMC Hamburg hatte vor einiger Zeit angefragt. 38 TV-Spots zum 50-jährigen Jubiläum des deutschen Fernsehens müssen vertont bzw. "sounddesigned" werden! Inhalte aus 50 Jahren deutscher Fernsehgeschichte, ach, was sag' ich, "Zeitgeschichte". Aufwändiger Job, weil zum Teil sehr schlechte oder gar keine Original-Töne vorhanden sind. Aber auch wundervolle Raritäten wie die erste Mondladung, J.F. Kennedy in Berlin, Mohammed Ali, Robert Lemke mit den Schweinchen oder Willy Brandt, der mit markiger Stimme den Startschuss zum "deutschen Farbfernsehen" gibt. Ein 5-Sekunden-AudioLogo soll den Spot abrunden.
Aber wie klingen 50 Jahre deutsches Fernsehen?

Es gab natürlich eine visuelle Vorlage, eine Animation, die schon einige Anhaltspunkte lieferte. Wir sammelten munter alle in Frage kommenden Fragmente und stellten daraus eine erste Auswahl zusammen. Am Anfang ein fettes Einschaltgeräusch; die Stimmen von Christiansen, Wickert, Berghoff, Brauner und Co. verfremdet oder rückwärts; große, orchestrale Flächen gemixt mit Morsezeichen oder ein paar Variationen von "Happy Birthday". Zu guter Letzt verschiedene "Plings" auf die kleine "1" des ersten deutschen Fernsehens. Wohlgemerkt "Plings", wie man sie so vorher noch nie gehört hatte...
Und abschicken.
Warten. Erste Reaktion auf unsere Vorschläge: "Wir haben einige Änderungen im Bild!"
Neue Vorschläge, Kombinationen aus dem schon Vorgestellten, Weiterentwicklungen. Von Stefan Persdorf (Producer und Ideenschmied bei DMC) wurde der Wunsch nach etwas "völlig Authentischem" an uns herangetragen. Wieder Bildänderung. Sind ja auch verdammt viele Meinungen bei den Öffentlich-Rechtlichen.

So gingen die Tage ins Land, und im großen Filmatelier nebenan starteten die Dreharbeiten zu diesem Projekt. Mit viel Prominenz, z.B. Uwe Seeler, Sabine Christiansen, Dagmar Berghoff, Jan Fedder, Guildo Horn....
Der Megakick waren die Original-Jacob-Sisters mit ihren weißen Pudeln.

Da mich Stefan eingeladen hatte, doch immer mal hereinzuschauen, wenn ich Lust hätte, ging ich auch an diesem sonnigen Tag hinüber, um Hallo zu sagen und mir vielleicht doch noch eine weitere Inspiration für das AudioLogo einzufangen.

War gerade Mittagspause, das Dreh-Team saß im Halbschatten an Bierzelttischen und relaxte. Zwischen all den freundlichen Menschen lächelte mich plötzlich Mutter Beimer an, als würden wir uns irgendwie kennen. Und einen Moment lang überlegte ich, ob ich zu ihr gehen und sie fragen sollte: "Ach... entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht, wie 50 Jahre deutsches Fernsehen in 5 Sekunden klingen?"

Maik Weppner

PS : Die "5-Sekunden" lassen sich hier anhören (RealPlayer erforderlich)

 


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