Radio in Cannes.
Wie funktioniert das eigentlich?

Juror Klaus Funk aus der Jurymitte

"Irgendwann kommt doch die Erschöpfung durch. Da sitzt Klaus Funk am Ende einer langen Woche in der Lobby des Hotel Noga Hilton in Cannes und spricht mit einem Journalisten, und plötzlich weiß er nicht mehr auf Anhieb welcher Wochentag gerade ist, wie viele Tage seine Jury gearbeitet hat, ob die wichtigen Entscheidungen am Mittwoch oder Donnerstag fielen. "Da muß ich erst nachdenken", sagt er, “tut mir leid“
(Zitat "Die Welt" vom 27. Juni 2005)

Das Ende eines Leidensweges, der, um es vorweg zu nehmen, zu einem Höhepunkt meiner Karriere werden sollte. Deutsches Mitglied der Jury bei den ersten internationalen "Radio-Lions".

Vor Monaten hatte ich bereits abgelehnt, zum einen wegen der Englischkenntnisse, zum anderen mit dem Hinweis auf deutsche Top Kreative, die seit Jahren zur Radioelite gehören. Hat nichts genutzt. In London, dem Organisationssitz der Lions war man der Meinung, dass Funk von Funk juriert werden sollte. Offensichtliches Resultat eines Lebenskampfes für das Nischenmedium. Drei Monate Englisch- hardcore-Training im In- und Ausland sind die Folge, Flucht nach vorn das Motto.

19. Juni 2005. Erstes Treffen der internationalen Jury im Hotel Carlton. Cannes-typisches Ambiente. Zu großer Saal für zu wenig Leute. Kronleuchter und Blick auf die berühmte Croisette. Brasilien und Argentinien sprechen eindeutig schlechter englisch als Germany. Verstehen tun sie es alle. So what. Mit allen Privilegien ausgestattet, wie Shuttleservice, Hotel Majestic, einem Stapel von Einladungen für Parties rund um die Uhr, geht’s ans Werk.

Montag Morgen 8:00 Uhr. In olympischer Formation wird die Jury ins Festival Gebäude geleitet. Fotoshooting. Terry Savage (CEO des Festivals) übernimmt die Begrüßung und Einweisung in die Juryformalitäten. Von wegen, wie angekündigt, relaxt in der Sonne liegend jurieren. Klassenzimmeratmosphäre - mit weit auseinanderstehenden Tischen und strenger Aufsicht durch die charmanten Juryassistentinnen ist angesagt.

Ca. 1.100 Spots aus 17 Kategorien und aus 41 Ländern stecken im Server. Acht Juroren müssen je 550! Spots in 2 Tagen verarbeiten.
Verabreicht wird der Stoff mittels PDA und Kopfhörer. Die nicht angelsächsischen Spots liegen zusätzlich fast alle in mehr oder weniger guten Adaptionen vor. Dazu gibt es Transscripts in Englisch und meist auch noch eine "Gebrauchsanweisung" nach dem Motto: Was will uns dieser Spot sagen. Derartig ausgestattet entwickelt man eine untrügerisches Gefühl für kreative und konzeptionelle Qualität; wie das
spätere Ergebnis zeigen sollte.

Gevotet wird direkt in den PDA (1 - 3 "geht so", 4 - 6 "shortlistverdächtig", 7 - 9 "muss rein"). Nach zweimal 10 Stunden, die "Anglos" waren etwas schneller, liegt die "Vorauswahl" (4... und besser) auf dem Tisch.

3. Tag: Shortlistwahl aller Juroren. Wieder geheim. Wieder 10 Stunden.

 

4. Tag: 250 Exponate in der Shortlist. Zu viel des Guten. Rauf die Latte. Jetzt sind es noch ca. 170. Jeder Juror darf einen Liebling, der es nicht geschafft hatte, nachmelden und versuchen 10 von 16 Stimmen zu gewinnen.

Jetzt wird es spannend. 170 mal tönt es aus den Lautsprechern. 170 mal die Frage des Juryvorsitzenden Malcolm Poynten (Executive CD, O&M, London) nach dem "Für und Wieder". Dann, nach teilweise lebhaften Diskussionen, die Abstimmung. "Gold"... "Silber"... oder "Bronze". Was übrig bleibt ist auf der Shortlist. Was besser als Gold ist wird der "Radio Grand Prix" (Die "Real Man of Genius" Kampagne).

 

Sieht man einmal von Presseterminen, Opening- und Closing Ceremonies, diversen Pflichtparties, "Martinez-Absackern" und pro Nacht höchstens 4 Stunden Schlaf ab, war es das schon.

Das Ergebnis für Germany hier einmal für Zahlenfreaks: ca. 80 Einreichungen von 1.100. 14 Shortlistplätze von 170 und 2 Löwen von 27 (1 Kampagne = 1 Löwe). Irgendwie ergibt das immer so um die 8 %. Ein homogenes Ergebnis, sieht man einmal davon ab, dass uns die große Trophäe verwehrt blieb.

Der Grand Prix zeigt einmal mehr warum Amis und Ähnliche von der Natur bevorzugt sind.

60 Sekunden!
Die eigene Zielgruppe persiflierend!
Das Produkt findet nur am Rande statt!
Produziert mit besten Ingridienzen!
Dreiviertel aller Löwen sind 45 Sekunden und länger.

Obwohl deutsche (und europäische) Werbung sich hinsichtlich Ideen und Produktionsqualität weiß Gott nicht zu verstecken braucht. Wären da nicht diese Sachzwänge.

"Erzähl viel über das Produkt", "hab' ne witzige Idee", "tritt keinem auf die Füße" und "sei nicht länger als 20 Sekunden", so lauten viele Briefings. Da wird die Luft recht dünn. Wenn dann der Einreicher auch noch die hier zu Lande praktizierten Bewertungskriterien wie "neu und originär", "normendurchbrechend", "überragende und innovative Kreation" (ADC- Deutsch) berücksichtigt, ist Schluss mit lustig. Die internationale Jury wäre mit solchen Kriterien völlig überfordert.
Best of... oder was gefällt kommt weiter. So einfach ist das!
Auch im nächsten Jahr.

Klaus Funk


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