Erlebnisbericht eines Wegbegleiters.
Zu meiner Person: Dominic Richard Levien, Engländer, Alter 31. Beruf: Hmm? Zimmerer Meister, Importeur von hochwertigem Olivenöl, Übersetzer, Planer und Erbauer von spanischen Landhäusern. Man könnte auch sagen "jack of all trades and master of one". Apropos trades: die letzten Wochen war ich Geburtshelfer und Steuermann des neuen, alten Radiobusses von Studio Funk.
Darüber muss ich Euch berichten.
Die Firma Effektiv-Team, Hamburg - normalerweise werden hier Dinge für Film- und Fernsehen gebaut, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Da stand es nun: "ein Radio, es ist wirklich ein Radio aus den 60ern!". Etwas Externes, Fremdes, ein gelungenes Kunstobjekt. In den nächsten 11 Tagen sollte es mein Schützling, meine Zuflucht, mein treues Gefährt, mein Gefängnis, mein Feind und mein Freund werden. Im Inneren: keine Kabel, keine Röhren, sondern 23 große Kisten voll mit Orangen. "Die sind für den BAC in Holland...", erklärt man mir (Bericht "Bauer Agency-Cup") - "... danach geht's weiter nach Cannes zum Advertising Festival!"
"Entspann dich, genieße die Fahrt und fahre bitte nicht schneller als 80". Vor mir erstreckt sich die Autobahn. Breit, gerade, kein Speed-Limit. Und ich fahre 80 km/h. LKW überholen mich! O.K., ich fahre 80km/h. Mein Job ist es, mit dem Radio-Bus heil anzukommen und nicht zu zeigen, dass ich den schnellsten 60er Jahre Radio-Bus Europas fahre. Obwohl, wahrscheinlich tue ich das gerade.
Der BAC! Ein riesiger Spaß. Massagen for free, Orangensaft, Sonne, Centerpark-Idylle, sehr viele, sehr nette Menschen, Fußball ohne Ende, total engagierte Cheerleader (wer die Auftritte noch nicht gesehen hat, muss noch). Sehr kreativ und mit viel Hingabe veranstaltet. Und mitten drin, mein Radiomobil.
Wer sich einen witzigen Namen für den Bus ausgedacht hatte, bekam eine Massage umsonst. Jemand von uns nannte ihn irgendwann Horst und so hieß er dann auch für die Zeit der BAC Veranstaltung.
Auf dem Weg nach Cannes entdecke ich, dass die ideale Geschwindigkeit doch 90km/h ist. Die Alpen, atemberaubend schön! Da muss wirklich jeder einmal durchfahren.
Cannes: Wahnsinn! Für mich die Stadt, in der die Bettler Champagner trinken (habe ich gesehen) und eine Cola 7 Euro kostet. Es ist unbeschreiblich viel los.
Halb vier Uhr morgens. Ich sitze an der Promenade mitten in einer Beachparty. Die Menschenmenge ist so groß, dass sie sich vom Strand auf die Promenade, dann über die berühmte Croisette, bis in eine Querstrasse hinein erstreckt. Ein Straßenfest! In den tanzenden Laserlichtern bewegen sich die Menschen. Im Hintergrund das dunkle, glatte Mittelmeer, schwarzer, sternenklarer Himmel.
Langbeinige Models in Begleitung von sogenannten Werbern gleiten über einen gelben Teppich, an großen, schwarz-gekleideten und sonnenbebrillten Türstehern vorbei, um von irgendeiner der Beachparties aufgesogen zu werden.
Und mitten auf der Kreuzung steht "ER"! Der Grund warum ich hier sitze. Ein riesiges, mobiles Radio im Stil der 60er Jahre. Strategisch gut platziert aber völlig illegal.
Mein Radio genießt inzwischen Promibonus. In der Nacht zuvor war ich in Begleitung von zwei Studio Funk Kunden, die mich als Shuttle "missbraucht" hatten, unter Applaus "durch" die berühmte Martinez Bar gefahren; die erstreckt sich nämlich zu dieser Stunde bis auf die Fahrbahn.
In einer anderen Nacht taumeln plötzlich drei blonde, sonnengebräunte Norwegerinnen in mein "Radio". "Hi, wo fährst du lang?" fragt die Erste, die es sich gerade auf meinem Schoß bequem macht, um für die beiden anderen Platz zu machen, da es nur einen Beifahrersitz gibt. "In diese Richtung" antworte ich und zeige in Richtung meines Hotels. "Willst du nicht mit uns zur Party kommen?" wollen die Mädels wissen. Dies muss ich leider negativ beantworten, da mir die paar Stunden Schlaf echt kostbar sind.
"Playing hard to get, are you?" fragt spielerisch eine der drei. Weil ich nicht weiß, was ich darauf antworten soll bitte ich darum die Tür zu schließen. Ohne die Magie des Moments zu zerstören fahre ich los. Unterwegs reparieren meine Fahrgäste kurzerhand mein kaputt geglaubtes Autoradio, welches sogleich mit einem funky Sender für Party sorgt. Alles scheint perfekt vorbereitet zu sein für eine Spazierfahrt entlang der Croissette.
Wenn man nachts die Croisette hinunter fährt, ist es egal wo man hin möchte. Der Weg ist das Ziel. Vorbei an den Monumentalhotels wie Hilton, Majestic Reef, Carlton Hotel. Dazwischen, die obligatorischen, teuren Restaurants und edle Klamottenläden. Die Menschen bewegen sich feiernd. Bässe und Klänge wehen von den Beachparties herüber.
Ich lasse meine Mitfahrerinnen vor ihrer Party-Location aussteigen. Sie versuchen mich noch einmal zu überreden und verabschieden sich dann mit einem Schauer von Küssen. Mein "Schoßgast" fragt, wo ich denn jetzt wirklich noch hin gehen würde? Sie schaut mir direkt in die Augen. Wir wissen beide was der Andere denkt. Ich fühle mich reich beschenkt und darf in mein Hotel fahren. Morgen wartet wieder ein langer Tag mit Award Ceremony und Schlussgala mit Feuerwerk.
Dieses Jahr ist das erste Jahr für Radio in Cannes. Klaus Funk sagt: "Es gibt nur eine Chance für ein erstes Mal". Mit pochendem Herzen trete ich den Weg in die "forbidden area" an: durch eine offene Schranke, die ich zuvor ausgekundschaftet hatte, ein paar hundert Meter die Promenade entlang, durch eine Kunstausstellung hindurch und dann direkt auf den Vorplatz des "Palais de Festival". Da steht nun mein Oldtimer, direkt gegenüber der großen Freitreppe über deren roten Teppich normalerweise nicht nur Werbeikonen schreiten. Gleich werden hier tausende Menschen herausströmen. Sie werden ein wenig auf dem Platz verweilen und dann direkt an meinem Radio vorbei laufen.
Der Deal läuft perfekt. Das Studio Funk Radiomobil mit seiner Botschaft "Radio has finally arrived in Cannes" passt so perfekt ins Bild, dass niemand an seiner Legitimität zweifelt.
Es hat mir viel Freude bereitet das Baby durch Europa zu schaukeln. Danke an Studio Funk, Klaus Funk und Sabine Langohr (die mich gecastet hat).
Dominic
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