"Mein Kinospot ist zu leise!"

Leider hören wir diesen Satz immer wieder und deshalb versuchen wir jetzt ein bisschen ausführlicher zu erklären, woran es liegen könnte:

Ralph Thiekötter über ein Problem, das so alt ist wie das Kino, naja, wenigstens so alt wie Kinowerbung:

Die Mischung macht's.

Ganz vorne auf der Problemliste stehen - wir sagen es ungern - oft die Kinobetreiber oder Vorführer, die den Werbeblock einfach nicht in der adäquaten Lautstärke vorführen. Eine gute, dynamische Mischung braucht einfach eine gewisse Lautstärke, um ihre Energie und Dynamik zu entfalten.
Als ideal empfiehlt Dolby die Abhörlautstärke 7, das bringt die einzelnen Tonelemente in ein vernünftiges, dynamisches Verhältnis. Die tatsächlichen Abhörlautstärken der Werbeblocks in den Kinos liegen nach meinen Erfahrungen zwischen 3,5 und 4,5. Man kann sich leicht ausmalen, dass dann viele ästhetisch einwandfreie Mischungen "absaufen", weil man den niedrigsten Bereich der Dynamik gar nicht mehr wahrnimmt. Deshalb stellen manche Tonmeister in bester Absicht eine unbalancierte Mischung her, die auf leisen Abhörlautstärken funktioniert - aber eben leider nur da. Denn was auf den ersten Blick clever wirkt, gibt dann Probleme in den Kinos, die die "richtige" Abhörlautstärke wählen. Dort klingen diese Mischungen aufdringlich, unangenehm und unästhetisch.

Es gibt sogar Beispiele, wie die persönlich beobachtete Eigenwerbung einer großen nationalen Kinokette, deren Mischung 87 dB leq (m) betrug. Das sind 5 dB mehr, als bei der offiziellen Werbung erlaubt, also fast doppelt so laut. Den "Soundmatsch" kann man sich vorstellen. Die eingeschaltete Saalbeleuchtung und verschlossene Vorhänge erhöhten den Negativ-Effekt weiterhin. Um so trauriger, wenn man überlegt, wie viel Geld ein Kunde für die Herstellung und Schaltungen seiner Werbung auf den Tisch legt.

Werbespots als Stiefkinder

Nächster kritischer Punkt ist die Auswahl und Wiedergabe des Tonformats. Wir können heute davon ausgehen, dass es in allen großen Kinos die Möglichkeit einer digitalen, sechskanaligen Wiedergabe des Tons gibt (Dolby Digital). Dennoch werden selbst in großen Kinos z.B. in Hamburg die Werbeblöcke "nur" im analogen Dolby SR Format vorgeführt. Bis heute konnte mir niemand erklären, warum das so ist. Dolby SR ist aber durchaus ein brauchbarer Tonstandard, allerdings bedarf es einer sehr intensiven Pflege der Lichttontechnik in den Kinos. Ist das nicht der Fall, ist also z.B. die SR-Dekodierung nicht richtig oder gar nicht kalibriert, läuft die gesamte analoge Vorführung vielleicht ohne Surround-Wiedergabe, wird schief dargestellt oder klingt vollkommen "verrotzt".


Eine echte Beleidigung der Ohren, und da verstehe ich jeden, der für eine Absenkung der Lautstärke plädiert. Am besten auf 0.

Wie laut ist laut?

Ein weiterer wichtiger Punkt für die gute Darstellung von Mischungen im Kino sind natürlich die einzelnen Tonelemente. Hier hapert es sehr häufig beim Verständnis von laut und leise. An zwei kleinen Beispielen lässt sich ganz gut erklären, warum leise oft laut ist. Messgrundlage für beide Beispiele war das "Loudnessmeter 737" der Firma Dolby, alle Soundclips sind mit 82 dB leq (m) ausgesteuert.

Lautheitsvergleich bei Sprache* (wav, 1.5 MB)

Lautheitsvergleich bei Musik (wav, 7.2 MB)

(*Wir bedanken uns bei Robert Poerschke und Rainer Schmitt, die uns freundlicherweise ihre Sprachproben zur Verfügung gestellt haben.)

Bei den Sprachclips ist deutlich zu hören, dass der vermeintlich lauter gesprochene Clip leiser klingt als der leise gesprochene. Bei der Musik wird das noch deutlicher.

Oft wird schon in der Planungsphase eines Werbespots, also z. B. bei der Musik- oder Sprecherauswahl die subjektive Lautheit eines Werbespots unbewusst festgelegt wird. Um so wichtiger ist da der offene Austausch zwischen Agentur und Tonstudio.

Eine Frage des Formats

Die Auswahl von Musik und Sprechern ist natürlich nicht alles, was die Qualität eines Spots ausmacht. Besonders knifflig wird es, wenn wir mit Tonmaterialien jonglieren müssen, die nicht den Standards entsprechen.
Deshalb an dieser Stelle eine Übersicht, wie und in welchem Standard Töne angeliefert werden sollten:

Für Dolby Digital und SR Mischungen:

Bei bereits angelegten Tönen kann das Gesamte als OMF 2, NUENDO- oder ProTools-Session angeliefert werden.

Einzelne Tonelemente werden als unkomprimierte* wav- oder aif-files benötigt oder auf DAT-Tape, DA-88 Tape und ähnlichen Datenträgern.

Standards für einzelne Tonelemente:

  • Sprachaufnahmen, voice overs und Synchronsprachen:
    unkomprimiert*, mono
  • Atmosphären : unkomprimiert*, Stereo oder 5.0/5.1
  • Geräusche/Foley : unkomprimiert*, Mono oder Stereo
  • Special Effects unkomprimiert*, Mono, Stereo oder 5.0/5.1
  • Musik: umkomprimiert*, Einzelspuren oder Gruppenvormischungen in Stereo oder 5.0/5.1
  • kompletter Musikmix in 5.0/5.1

(* unkomprimiert bedeutet in diesem Fall "ohne dynamische Einschränkung" wie Kompression oder Limitierung.)


Natürlich sind auch Ausnahmen möglich, z.B. bei angelieferter Musik, die bereits in Stereo abgemischt ist und bei der man nicht mehr an Einzelspuren herankommt.

Ebenso gibt es bereits im Ausland vorproduzierte M+E-Tracks (music and effects) die man unter Umständen 1:1 übernehmen kann. In Deutschland werden diese Tapes auch IT-Band genannt.

Immer im Sinne des schöneren Sounds

Diese kleine Liste und das kleine Klagelied auf das Kinostiefkind Werbespot sollen unterstreichen, dass wir alles tun, um bei den Mischungen die höchstmögliche ästhetische und dynamische Qualität zu erreichen. Damit jeder Werbespot sein Geld wert ist.

In diesem Sinne, viel Spaß beim nächsten Kinobesuch
Ralph Thiekötter

EILMELDUNG (d.h. nach Redaktionsschluss):

Ich hatte eben ein wirklich sehr interessantes Gespräch mit Hubert Henle, Dolby. Es ging um die Abhörlautstärken in den deutschen Kinos. Dolby beobachtet seit geraumer Zeit eine immer stärkere Absenkung der Lautstärken und will jetzt reagieren.
In Großbritannien wurde ein Pilotprojekt von Dolby gestartet bei dem alle Kinobetreiber über einen gewissen Zeitraum die Abhörlautstärke in ihren Kinosälen nicht unter 6,5 eingestellt ließen.
In dieser Zeit wurden die Beschwerden über zu laute Werbung gezählt.
Heraus kam eine Zahl unter 1%.
Das waren wohl die Dauernörgeler, die selbst meckern, wenn der Saalregler auf 0 stehen würde.
Nach diesem Projekt kann man davon ausgehen, dass immerhin die Kinos in Großbritannien wieder auf einem einigermaßen vernünftigen Lautstärkestandard eingestellt sind.

Ralph Thiekötter



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